Daniel Domig
Exercises in Decreation
Plus: Sofia Goscinski
Eröffnung: Donnerstag, 12. Februar 2026 – 19 Uhr
Mit Daniel Domig startet die GALERIE3 Wien ins neue Jahr. Nach Einzelausstellungen in Peking und Sydney sind neueste Arbeiten nun auch wieder in seiner Heimatstadt zu sehen. Domig, dessen Werk sich durch ein Oszillieren zwischen abstrakter und figurativer Malerei auszeichnet, beschäftigt sich in seinen Arbeiten oft mit Aufeinandertreffen von Körper, mit Beziehungen, mit Kommunikation, die ganz ohne Sprache auskommt. Manchmal wie in Rauch aufgelöst, sind seine Protagonisten mal mehr und mal weniger zu erahnen. Unter dem Titel „Exercises in Decreation“ geht es nun auch in dieser Ausstellung um eine Auflösung des Bildes. In einem Gespräch mit Kjell Arnessen, bringt uns der Künstler seinen Zugang zur Malerei näher: Daniel Domig über Malen als Dekreation: Lernen, das Bild aufzulösen (Sie finden das ganze Interview als Dokument am Ende der Seite)
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Daniel Domig
Exercises in Decreation
“Attention is the rarest and purest form of generosity. It is the act by which the soul, turning toward reality, participates in creation itself.” – Simone Weil
Daniel Domigs Werk beginnt dort, wo das Werk anfängt sich aufzulösen. In seinen Gemälden treten Formen hervor, nur um sich wieder in die Oberfläche zurückzufalten, die sie trägt. Figuren verschwimmen in geschichteten Farbfeldern, Gesten lösen sich in Pinselstriche auf. Was bleibt, ist keine Darstellung eines Körpers, sondern eine Spur seiner Entwerdung (Decreation) – eine Verweigerung von Dominanz, ein geduldiges Sich-Hingeben an Material und Moment.
Diese Bewegung – von der Form hin zu ihrer eigenen Auflösung – ist keine Negation, sondern eine Form der Zuwendung. In Exercises in Decreation setzt sich Domig mit Simone Weils Einsicht auseinander, dass Aufmerksamkeit selbst ein schöpferischer Akt ist: eine Entselbstung, die dem Werk erlaubt, aus sich heraus zu existieren, an der Schöpfung teilzuhaben, ohne das Ego aufzudrängen. Domigs Prozess wird zu einer Praxis der Großzügigkeit: Malen und Bauen als Akte des Zuhörens, Sehens und Raumgebens.
Jedes Werk besetzt ein fragiles Gleichgewicht zwischen materieller Präsenz und subtiler Rücknahme. Schichten aus Pigment, Lasuren und Texturen sind zugleich schwer und leuchtend. Figuren erscheinen, als seien sie aus einem anderen Register des Sehens erinnert, schwebend zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Pinselstriche und Oberflächenmodulation artikulieren die Spannung zwischen Schöpfung und Entschöpfung – den Dialog zwischen Präsenz und Absenz.
In einer Welt, die von Bildern gesättigt ist, lädt Domigs Malerei zu stiller Aufmerksamkeit ein. Es ist eine Kunst des Geschehenlassens, in der die menschliche Form keine Dominanz behauptet, sondern porös, empfänglich und offen für das wird, was sie umgibt. Dies ist Entschöpfung als Großzügigkeit: ein schöpferischer Akt, der nicht konsumiert oder erobert, sondern am Werden von Materie und Wahrnehmung teilnimmt. In diesem Sich-Entziehen liegt eine Zärtlichkeit. Die Werke tragen eine paradoxe Leichtigkeit: Der Akt des Machens wird zu einem Akt des Loslassens. Domigs Figuren sind nicht abgeschlossen; sie sind schwebend, atmend, offen. Sie fordern den Betrachtenden auf zu bezeugen, aufmerksam zu sein – und in dieser Aufmerksamkeit an der feinen Großzügigkeit des Schaffens teilzunehmen.
Exercises in Decreation ist nicht nur ein Titel; es ist eine Praxis: eine Einladung zu schauen, zu fühlen und dem Werk in dem geteilten Raum zwischen Präsenz und Absenz, Aufmerksamkeit und Schöpfung zu begegnen.
Kjell Arnessen (Copenhagen 2025)
13. Februar – 1. April 2026