flip the script

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VIOLETTA EHNSPERG
flip the script

Plus: Juewen Zhang

Eröffnung: Donnerstag, 11. Juni 2026 – 19 Uhr

Geübte Intuition ist es, die abstrakte Malerei verführerisch macht. Dort, wo das Ringen um Komposition sich in emanzipierter Gestik auflöst und etwas Neues entsteht, das sich einem Regelwerk letztlich völlig entzieht. Seit der New York School kreist sie, die abstrakte Malerei, um eine alte Frage: Wie viel Plan verträgt die Geste, wie viel Geste die Form? Eine Frage, die jede Malerin und jeder Maler neu für sich beantwortet. Violetta Ehnsperg tut das mit eigener Stimme. Ihre Arbeiten sind voller Dynamik, geprägt vom Wagnis der entbundenen Geste, jenem Wagnis, das die abstrakte Malerei zu ihrem Schauplatz gemacht hat. Es ist der ewige Versuch, die Farbe zu zähmen, indem man das Widersprüchliche der Schichten annimmt. „Abstract is not a style. I simply want to make a surface work. This is just a use of space and form: it’s an ambivalence of forms and space“, vermerkte Joan Mitchell. Ehnsperg selbst beschreibt diesen Zustand so: „Ich arbeite ohne Entwurf, alles geschieht im Moment – es ist ein freier Fall, intensiv und voller Risiko. Es ist ein Spannungsfeld zwischen mir und der Leinwand.“ Ehnsperg versteht es, die Kräfte auf der Leinwand auszugleichen und intuitiv das immer wieder neu Überraschende anzunehmen. Ihre Arbeiten komponieren sich aus Farbe, Form und Geste, aus Gewicht und Gegengewicht. Runden Würfen stehen präzise gesetzte Linien gegenüber, und, immer wieder, ein klar gesetzter Punkt: Dieser „letzte Tupfer“ ist in jedem Werk das Kompositionsfinish. So behält sich die Künstlerin ein klares letztes Wort, während sie sich im vorangegangenen Prozess der Hauptmalerei von aller Klarheit löst und der Intuition den Takt überlässt. In der Serie lassen sich weitere Formen erkennen, die Ehnsperg mitträgt. Bei allen Befreiungsschlägen aus der Erwartung des Vorausgedachten, die jede neue Leinwand mit sich bringt, ist es doch die wiederkehrende Bildsprache der Künstlerin, die den Tonfall trägt – in unterschiedlichen Nuancen. Die Meisterin der Leichtigkeit wagt sich in den jüngsten Serien daran, Kontraste umzudrehen und das Spektrum der Emotionen weiter aufzufächern. Die neuesten Werke sind deckender, voller, schwerer gemalt. „Every canvas is a journey all its own“, meinte schon Helen Frankenthaler.

Und Ehnspergs Reise geht weiter. Gerade war sie als erste Trägerin des Maria Lassnig Reisestipendiums mehrere Wochen in Thailand und erarbeitet nun einen großen Wandteppich. Jahre im Modedesign haben ihr Gefühl für das Mehrdimensionale geschärft, die Themen des Knüpfens und Verknüpfens ziehen sich seither wie ein roter Faden durch ihr Schaffen. Doch die Schau „Flip the Script“ fokussiert die malerische Arbeit, erweitert um eine Raumskulptur. Rund zwanzig gebrauchte Arbeitshocker, deren Geschichte sichtbar ist, kommen im Kreis zusammen und laden die Besucher:innen ein, es ihnen gleichzutun. Sich aus der Hektik nehmen, mit der Kunst und mit anderen Platz nehmen. Eine Einladung zur Verlangsamung, zum Betrachten, zum Austausch auf Augenhöhe. Der Kreis kennt keinen Anfang und kein Ende, keine Hierarchien. Man sitzt eng neben Fremden, vielleicht zunächst unbequem, und genau darum geht es: gewohnte Strukturen aufzubrechen, das Skript zu drehen, wie es der Titel der Ausstellung vorschlägt. Wahrzunehmen, wer da neben uns sitzt, Blicke auszutauschen, Präsenz auszuhalten, einen Moment zu teilen. Eine Erinnerung daran, dass wir einander gleich sind – gerade in Zeiten wie diesen. Die Hocker tragen sichtliche Gebrauchsspuren eingeschrieben und kommen nun, aneinandergeschweißt in neuer Konstellation, zusammen. Eine Neuordnung in der Unordnung der Geschichte, eine potenzielle Systematik für die Gegenwart, ein Zyklus, der weitergeht. „Im Kreis“ zeigt, dass Ehnspergs Verständnis von Kunst nie bei der Leinwand endet. Was im Bild als Geste beginnt, fließt in den Raum, in die Begegnung und kehrt von dort als verändertes Material in die Malerei zurück. So verschränken sich bei Ehnsperg Geste und Gemeinschaft, der ungebändigte Pinselstrich und das geknüpfte Netz der Begegnungen. Was als Auseinandersetzung mit der Farbe beginnt, wird zur Suche nach Verbindung.

Paula Watzl, Mai 2026

12. Juni – 26. August 2026
Sommerpause von 25. Juli bis 24. August 2026
25. August 2026 – regulär | 26. August 2026 – Finissage

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