Mann beißt Hund

Works

About

Leo Mayr
Mann beißt Hund: Lindwürmer im Zeitalter des Anthropozäns

Plus: Gunter Damisch

Eröffnung: Freitag, 25. September 2026 – 19 Uhr
Leo Mayr und Maria Damisch sind anwesend.

Der Lindwurm (weltbekannt in Kärnten) gilt als Wappentier von Klagenfurt und erinnert an den Gründungsmythos der Landeshauptstadt. Bei genauerem Hinsehen repräsentiert der erschlagene Riesenlurch jedoch viel mehr, nämlich die ewig konstruierte Leier von „Mensch vs. Natur“. Für die Ausstellung in der GALERIE3 setzte sich Leo Mayr ausgiebig mit derlei beispielhaften Geschichten von vermeintlich starken Männern und ihren Naturbezwingungen auseinander, gliederte sie ein in seinen künstlerischen Kosmos und übersetzte sie in die Gegenwart.

Zu Beginn sehen wir eine alte Fotografie. Der kleine Leo (Traumjob: Ritter) steht weinend vor der großen Lindwurm-Statue in der Klagenfurter Innenstadt, neben ihm die wichtigsten Frauen in seinem Leben. Ein intimer Einblick leitet über zum großen Thema der Schau: Allerlei Abenteuergeschichten patriarchaler Machtdemonstrationen gegen die Natur, erzählt anhand von Keramikfiguren, die uns wie in einem grotesken Themenpark an verschiedenen Szenarien dieser Geschichte vorbeiführen. Mayr versammelt dafür eine Vielzahl an fiktiven Held:innen und Antiheld:innen. Wer den Mut hat sich auf dieses Abenteuer einzulassen, kommt vielleicht gerade noch mit dem Schrecken davon. Spoileralarm: Es war einmal … und ist noch immer.

Doch Leo Mayr greift ein in die alte Geschichte von Gut und Böse und verteilt die Rollen neu. Der Lindwurm als Allegorie auf die unzähmbare, bedrohliche Natur ist nicht mehr der Bösewicht. Die Helden von damals sind die Schurken der heutigen Zeit geworden. „Wie sich die Georges, Siegfrieds und Tristans munter durch die Kunstgeschichte schlachten, so sind es heute alte, weiße, kahle und in manchen Fällen orange Männer, die ihr Unwesen treiben. Dabei sind die Großen genauso interessant wie die kleinen Fische.“ Die überspitzte Erzählung stellt althergebrachtes Heldendenken auf den Kopf und bedient sich dafür bewusst an Klischees und geschlechtsspezifischen Rollenbildern. Sie macht uns anhand von Walküren der Gegenwart und anderen Humans of Late Capitalism mit der Kraft der Pluralität vertraut – klassische Dualismen haben ausgedient. So führt uns die Schau vorbei an Klimaaktivismus und politischem Protest. Der Lindwurm wird dabei zum Maskottchen des Widerstandes, während die alten Helden als Schwächlinge der Gegenwart bloßgestellt werden.

Wer hat nun die Keule in der Hand? Die Lindwurmfraktion wird repräsentiert durch weibliche Protagonistinnen – junge Frauen aus der aktivistischen Szene begegnen uns als Walküren, die das vermeintliche Untier zu ihrem Markenzeichen gekürt haben. Entsprechend kostümiert machen sie deutlich, für welche Seite sie kämpfen. Aber nicht nur die Lindwurm-Mützen verraten, wer die neuen Heldinnen sind. Die Walküren tragen T-Shirts der Letzten Generation, von Fridays for Future oder der ANTIFA. Wir haben es mit Klima-Kämpferinnen zu tun, mit Greta Thunbergs und anderen Stimmen des Protests. Die Betonung liegt dabei auf der Mehrzahl – denn auch hier setzt Mayr einen zentralen Eingriff in das tradierte Narrativ von Held und Widersacher: Die neuen Heldinnen treten gemeinsam auf. Als Gemeinschaft (re)präsentieren sie einen Gegenentwurf zum klassischen Epos. Was früher Wagner war, wird hier zu Brecht – es sind nun viele Figuren, die die Handlung vorantreiben.

Und Ihre Widersacher? Männer in Badehosen, die Fische mit Pistolen erschießen, um Stärke zu beweisen. Schnell zeigt sich: Die Leier blieb omnipräsent. Mann beißt Hund. Mann fängt Fisch. Mann präsentiert Fisch. Wichtig: Je größer die Beute, desto kühner der Jäger – ein metaphorisches Kräftemessen, das ja nachweislich immer noch gutes Material für mediale Berichterstattung bietet. Bei genauerer Betrachtung lassen sich etliche Verweise auf manche Möchtegernhelden unserer Zeit erkennen, die uns mitunter als lebensgroße Keramik in den Weg gestellt werden. Da reicht eventuell schon ihre Körpersprache, um den Wink auf mögliche Vorbilder zu erkennen … aber es bleibt natürlich offen, an wen uns etwa markant zur Pistole gefaltet Hände erinnern mögen. Ergänzend zeigt die Ausstellung Ölmalereien, die sich in denselben Erzählstrang eingliedern und jene Szenen darstellen, die auch in den Keramiken wiederzufinden sind.

Gut und Böse haben sich also umgekehrt, doch die List spielt auch in dieser Geschichte weiterhin eine zentrale Rolle. Früher schon gelang die Mannestat meist durch einen Köder. Auch in der Ausstellung wird dieses Motiv immer wieder aufgegriffen – sei es beim simplen Fischfang oder beim Fang des Herkules. Darüber hinaus führt uns Leo Mayr selbst hinters Licht, wenn er uns konfrontiert mit Keramikminiaturen, vermeintlichen Verniedlichungen, die bei genauerem Hinschauen furchtbar und schockiert aussehen. Mit viel Ironie erzählen sie von den eigentlichen Niederlagen unserer Gegenwart. Humor wird dabei zur wichtigsten Strategie um „die Thematik so zu verpacken, dass man sie schlucken kann“. Letztlich wird jedoch ein genaueres Hinschauen nötig sein – und auch darin verbirgt sich eine Metaphorik.

Schließlich melden sich noch andere Humans of late Capitalism zu Wort, die einer früheren Werkserie Leo Mayrs entstammen. Scheinbar gewöhnliche Protagonist:innen aus Keramik, die feinsinnig unserem Alltag entnommen wurden, formen sich zum Ende des Rundgangs zu einer Demonstration und tragen Transparente mit Slogans wie „The End is near“. Dann entdeckt man eventuell noch den Notfall-Hammer, der uns aus U-Bahnen oder ähnlichen Situationen bekannt ist und der im Kontext der Ausstellung das Dilemma der Klimakrise nochmal zusammenfasst. Ebenso wie in der U-Bahn scheint er auch als Ausstellungsstück für uns unantastbar. Er suggeriert eine vermeintliche Unmöglichkeit des Handelns. Nur im Notfall verwenden! Ist es schon so weit?

Mit scharfsinnigem Humor schickt uns Leo Mayr in seiner Ausstellung auf eine Spurensuche nach patriarchal-anthropozänen Machtdemonstrationen und ihren popkulturellen Ausformungen im Spätkapitalismus. Aus einer sagenhaften Erzählung wird eine Zurschaustellung von immer noch allgegenwärtigem machoiden Kräftemessen wider die Natur. Aber nun schlägt der Lindwurm zurück. So führt uns Mayr mit viel Witz an ein Thema heran, das eigentlich schon allen Spaß verloren hat – und dennoch ist für wache Augen ein Schmunzeln garantiert.

+

Im Plus zeigt die GALERIE3 Klagenfurt Werke von Gunter Damisch († 2016). Vielfach ausgezeichnet, prägte Damisch fast 20 Jahre lang die nachfolgende künstlerische Generation als Leiter der Grafikklasse an der Akademie der Bildenden Künste, Wien – so auch als Professor von Leo Mayr. Mayr zählt zum letzten Jahrgang, der bei ihm studiert hat. Kaum erkennbar, gibt es doch einen zentralen Einfluss auf die Kunst von Leo Mayr, denn zu malen begonnen hat er erst, nachdem ihm nach Damischs Tod Farben aus seinem Atelier überlassen wurden. Für Mayr selbst liegt eine Verbindung zwischen den beiden womöglich in einer ähnlichen Gesellschaftsbetrachtung; im ähnlichen Blick auf den Menschen, auf die Natur und auf ein Miteinander.

Mehr dazu hier.

26. September – 14. November 2026

News

Publications

Enquiry