The Pleasure of Containment

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Markus Guschelbauer
The Pleasure of Containment

Mit Arbeiten von Alfredo Barsuglia, Sophie Dvořák & Edith Payer

Eröffnung: Samstag, 22. Juni 2024 – 19 Uhr
Der Künstler ist anwesend.

Eröffnung und Ausstellung sind Teil vom „Jahr der Fotografie“ in Kärnten 2024: „Über das Land / o deželi“

„Sowohl von ihren Rändern her als auch vom Zentrum aus betrachtet Markus Guschelbauer die Fotografie. Mit seiner Bildpraxis bewegt er sich jedoch auch an den Grenzen von Malerei, Skulptur und Performance. Er bewegt sich an den Grenzen zwischen analogen Scherenschnitten und vermeintlich digitalen Schichtungen im Bildbearbeitungsprogramm: „Ebene“, „Auf Hintergrundebene reduzieren“. Er bewegt sich an den Grenzen zwischen dreidimensionalem Objekt und zweidimensionaler Repräsentation desselben. Markus Guschelbauer bewegt sich an den Grenzen von verdichteter Natur und offener Komposition.

Ausgangspunkt für die Ausstellung The Pleasure of Containment ist der analoge Fotoprint Plum (2013), der die Stämme zweier Zwetschgenbäume zeigt. Knorrig, verwittert, von Flechten überzogen. Von ihrer natürlichen Umgebung, einer Streuobstwiese, in einem rosa Kubus abgetrennt, quasi markiert und freigestellt, kehrt sich in diesem Bild das Verhältnis von Natur und Fotografie geradezu um. Die Baumstämme bekommen trotz ihrer organischen Substanz eine seltsam künstliche Oberfläche in diesem von Licht und Schatten belebten Raum, dieser Einfriedung, dieser Umschließung, dieser Hülle – in diesem Container. Markus Guschelbauer zeigt das Werk als Installation und verstärkt den Grad der Inszenierung der Fotografie einmal mehr, indem das Bild auf einem Paravent sitzt und sich ähnlich in den Kontext des Ausstellungsraums einschreibt wie der abgebildete rosa Würfel sich die natürliche Umgebung zu Eigen macht. Mit Plum erzeugt der Künstler ein Vexierbild, das auf zweierlei Arten gelesene werden kann: In die eine Richtung gewendet, liegt der Fokus auf bildreflexiven Fragestellungen, Fragen also, die in das Bild hineinreichen. In die andere Richtung gedreht, verlässt der Künstler jedoch die Begrenzungen der Fotografie, indem er den Umraum nicht nur mitdenkt, sondern auch einbezieht. Er kippt förmlich aus dem Bild heraus.

Permanentes Drehen und Wenden, das Erzeugen von Kippbildern, steht auch im Zentrum der beiden Fotografien Pink und Purple (beide 2024). Hier spart Guschelbauer zwar Natur und Landschaft völlig aus, wenn er ins Innere von Kuben fotografiert. Gleichzeitig rückt er die Form des Kubus selbst, seine Farbe und die im Inneren positionierten – künstlichen – Elemente ins Zentrum. In Pink scheint eine doppelt geschwungene Architektur, alles in monochromem Rose, die Form der Zwetschgenbäume von Plum wiederaufzunehmen und gleichzeitig zu abstrahieren. In Purple hängt ein heller Stoff von der Decke des dunklen lila Raums und wirft ähnlich dramatische Falten wie Kleidungsstücke in den Malereien, die in der Regel in kunsthistorischen Museen zu sehen sind. Es ist unklar, ob der Stoff einen leichten rosa Ton hat oder ob die Farbe des Behälters auf ihn abstrahlt. Ebenso unklar ist, ob die Bilder analoge Fotografien sind oder nicht doch mithilfe eines Bildgenerators, einer künstlichen Intelligenz, erzeugt wurden. So überinszeniert sind sie, so bühnenhaft. Eindeutig die malerischen Aspekte. Als Kontrast hat Markus Guschelbauer in der Ausstellung The Pleasure of Containment ein Bild aus seiner Sammlung an Wolkenfotografien hinzugefügt. Ähnlich dramatisch wie der Faltenwurf, potenzieller Hintergrund für eine Bühnengestaltung und dennoch keine inszenierte Fotografie. Auch ist bei einer Wolke kein Einschließen und Abgrenzen möglich. Lediglich der mit der Kamera gewählte Ausschnitt vermag die Wolke von ihrer Umgebung zu trennen.

Bei der Serie Flat (alle 2024) geht Markus Guschelbauer den umgekehrten Weg: Nicht die Natur wird in Container verpackt wie bei Plum, sondern die verflachten Container werden so in der Natur platziert und fotografiert, dass Räume mit Aussichten entstehen. Der Künstler imaginiert in dieser Serie ideale Ateliersituationen, indem er Räume aus farbigem Karton in Form von Scherenschnitten vortäuscht und diese in mit Licht durchflutete Landschaften setzt. Die großen Leerstellen in den rosafarbenen, braunen, hellgrünen oder türkisen Schnitten, die Fenster darstellen, lassen den Blick auf den Horizont am Neusiedlersee genauso zu wie auf monokulturelle Ackerflächen, die durch Geraden und in Fluchtpunktperspektiven durchschnitten, ja strukturiert werden. Einmal fotografiert, lässt sich der Hintergrund, die Landschaft, nicht mehr von der Figur, dem Raum, trennen. Auch hier wieder Fragen aus der Malerei. Auch hier wieder ein Vexierbild.

In zwei Arbeiten der Serie Birdcage (beide 2018_2022) bringt Guschelbauer schließlich seine Reflexionen über die Aneignung und Dominanz des Menschen über die Natur auf den Punkt. Es handelt sich dabei um Vogelkäfige aus lackiertem Alu, deren Gitter aus feinem Nähfaden bestehen. Es sind fragile Objekte, die zwar auch als Fotografien existieren, in der Ausstellung als solche aber nicht gezeigt werden. Das zylindrische und das kubische Gehäuse nehmen die dominanten Farben der Schau, rosa und lila, auf und spielen mit Durchlässigkeit. Ihrer Zartheit zum Trotz haben die Gegenstände etwas Massives und unterschwellig Gewaltvolles. Die Serie Birdcage steht für Vereinzelung, Kontrolle und Naturbeherrschung, die sich als solche erst erschließen lassen, wenn die Schönheit des Gezeigten mit dem eigentlichen Zweck ergänzt wird. Damit werden die Käfige ebenso wie Plum und die anderen Werke der Ausstellung zu schlüssigen Bilder für das Anthropozän, das sich der Vorstellung verdankt, die Menschheit könnte sich die Erde „untertan“ machen. Denn obwohl die Umgestaltung unseres Planeten durch den Menschen derart große Ausmaße angenommen hat, dass unumkehrbare Prozesse angestoßen wurden, fehlt das Sensorium, die Gewalt der Umformung in ihrer Gesamtheit zu fassen und entsprechend Maßnahmen zu ergreifen. Der Traum, die Natur weiterhin in Schach halten zu können und die Lust an der Einhegung sind nahezu ungebrochen. Indem Markus Guschelbauer das Einschließen von Natur als einen durchaus lustvollen Prozess zeigt, wird im Umkehrschluss deutlich, wie schwierig eine Abkehr von Ideologien der Naturbeherrschung sein würde.

Ergänzt wird die Ausstellung The Pleasure of Containment von Beiträgen befreundeter Künstler*innen wie Edith Payer, Sophie Dvořák oder Alfredo Barsuglia. Markus Guschelbauer hat seine Kolleg*innen eingeladen, die Werke in der Ausstellung mit künstlerischen Kommentaren zu versehen und in dieser Geste auch ein Kippbild zu produzieren, das einmal auf seine eigenen Arbeiten und einmal auf jene der Eingeladenen fokussiert.“

Text: Gudrun Ratzinger und Franz Thalmair


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